Eine andere Welt

Es war ein dunkler Weg. Sie wusste nicht, wohin er führen würde, und doch setzte sie einen Fuß vor den anderen. Die Nacht war bereits hereingebrochen. Der Vollmond schien auf sie herab, während ein Nebelfeld sie auf ihrem Weg umhüllte. Hier und da kam sie an einem Baum vorbei, ein paar Sträucher und ein paar Büsche. Selten drehte sie sich um. Sie fühlte sich wohl. Die Dunkelheit gab ihr ein Gefühl von Geborgenheit und doch war dort etwas Geheimnisvolles.
Die Grenze zwischen Feld und Wald lag direkt auf ihrem Weg. Weit entfernt von ihrem Haus, von Menschen. Nur sie und die Nacht. Schon lange wartete sie auf diesen Augenblick. Die Sterne leuchteten auf sie herab. Ihr schwarz-rotes Kleid streifte den Boden, doch in dieser Nacht war ihr das egal. Niemand würde ihr Vorwürfe machen. Vielleicht würde sie nicht einmal zurückkehren.
Mit der Zeit wurde es immer kälter. Sie blieb stehen, sah ihren Atem und schloss die Augen. Stille. Unheimliche Stille. Sie öffnete ihre Augen wieder, drehte sich um und erschrak: Was war das? Etwas schwarzes war hinter hier, verschwand in dem Waldstück. Langsam bekam sie es doch mit der Angst zu tun. Noch einmal schloss sie die Augen und hörte der Nacht zu. „Komm!“, sagte jemand in ihr Ohr. Die Angst verflog. „Komm her.“ Woher kam die Stimme? Um sie herum war niemand. „Komm zu mir.“ Langsam ging sie auf das Waldstück zu, wo sie eben noch die schwarze Gestalt gesehen hatte. Noch einmal drehte sie sich um, sah auf den Weg, auf dem sie eben noch unterwegs war. Dann ergriff sie eine Hand. Sie wusste nicht, wie ihr geschah. Wenige Sekunden später wurde sie auf den Armen von jemanden getragen. Nein, er rannte. Er rannte mit ihr tief in den Wald hinein. Irgendwann schloss sie die Augen. Angst verspürte sie noch immer nicht. Es war eher ein Gefühl von Geborgenheit. Geborgenheit zu diesem Unbekannten. Bei diesen Gedanken sank sie in einen tiefen Schlaf.

Langsam wurde ihr kalt. Sie schlug die Augen auf. Sie lag auf einem riesigen Bett und starrte an die Decke. Rechts von ihr hörte sie tropfendes Wasser. Sie musste in einer Höhle sein! Verdammt, wo war sie? Langsam und leise stand sie auf. Da erblickte sie die Gestalt wieder. Ein Mann in einem schwarzen Umhang. Er stand mit dem Rücken zu ihr. „Schon wach?“, fragte er sie. „Wer sind Sie?“ Da drehte er sich um. „Derjenige, von dem du schon immer geträumt hast, den du schon immer zu dir gewünscht hast!“ Sie blickte in seine dunklen Augen, die beinahe genauso schwarz aussahen, wie seine Kleidung. Während er die paar Schritte auf die zuging, wehte sein Umhang hinter ihm her. Mit seiner linken Hand nahm er ihre rechte und seine linke legte er auf ihre Taille. Noch immer konnte sie ihren Blick nicht von seinen Augen abwenden. Wie in Trance folgte sie seinen Schritten und gemeinsam begannen sie einen langsamen Tanz. Wie aus weiter Entfernung hörte sie die Musik, zu der sie tanzten. Auch er sah ihr in die Augen. Ihre Schritte verlangsamten sich noch mehr, bis sie schließlich endgültig stehen blieben. „Schon lange habe ich auf diesen Augenblick gewartet. Seit Nächten bin ich dir gefolgt. Und auch in Zukunft werde ich immer bei dir sein, wenn du mich brauchst.“ Sie schloss die Augen und beide verschmolzen zu einem innigen Kuss. Er brauchte nicht weiter zu reden. Ihr wurde alles klar. Er war es, der sie glauben ließ, dass es eine bessere Welt gibt. Diese geheimnisvolle Welt, in die sie immer gehen wollte.

Sie machte ihre Augen wieder auf. Doch dieses mal guckte sie an ihre weiße Zimmerdecke. Der Traum schien vorbei. Der Alltag ging wieder von vorne los. Gefangen in einer Welt voller Gesetze und Pflichten. In einem anderen Jahrhundert.
„Ich werde immer bei dir sein!“ Sie drehte ihren Kopf, sah in ihr Spiegelbild. Für einen kurzen Moment hatte sie das Gefühl, wieder das schwarz-rote Kleid anzuhaben, was sie in ihrem Traum trug, das Gefühl, ihn vor ihrem Bett sitzen zu sehen. Sie kroch aus dem Bett, zog sich an und machte sich auf den Weg zur Schule. Niemanden würde sie davon erzählen. In ihrer Tasche fand sie einen Zettel, geschrieben mit roter Tinte: „Ruf mich und du kannst wieder zu mir kommen. Doch behalte alles für dich!“ Sie drückte den Zettel an ihr Herz und schloss die Augen. Wieder glaubte sie, seinen Kuss spüren zu können. In wenigen Stunden würde sie wieder bei ihm sein. In einer Welt, weit weg von dieser. Es war alles Realität.

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