Ein Geschenk des Himmels

Grau war die Stadt in ihren Augen. Egal, wohin sie sah. Es waren die grauen Häuser, der graue Himmel, es war eine graue Stadt. Weder die bunte Weihnachtsbeleuchtung, noch der weiße Schnee hellte die Situation auf. In ihr herrschte Stille, Leere. Sie wusste nichts mit sich anzufangen und lief ziellos durch die Straßen. Die Schneeflocken, die vom Himmel kamen, legten sich in ihre braunen Haare. Leise knirschte der Schnee unter ihren Füßen. Doch nichts interessierte sie. Es war Heiligabend und die Straßen schienen menschenleer. Andere Familien saßen in dem Moment zusammen, beschenkten sich gegenseitig, erlebten einen fröhlichen, harmonischen Abend. Über den Häusern lag eine Wärme. Und Liebe. Doch in ihren Augen blieb alles grau.

Eben noch saß sie zuhause bei ihrer Familie. Ihre kleine Schwester war vor Freude kaum noch zurückzuhalten, ihr Vater schmückte die letzten Zweige des Weihnachtsbaumes und ihre Mutter bereitete das Weihnachtsessen vor. Sie selber allerdings sah ihnen zu und versank in Gedanken. Weihnachten war in den letzten Jahren zu einer Qual für sie geworden. "Das Fest der Liebe"... gibt es so etwas überhaupt? Denken die Menschen heutzutage überhaupt noch an den wahren Grund des Festes? Die Geburt Christi. Sind die Menschen heutzutage nicht nur noch darauf aus sich gegenseitig zu beschenken? Jedes Jahr muss es etwas besseres, etwas schöneres geben.
In diesem Moment riss ihre Mutter sie aus den Gedanken und bat sie, sich um ihre kleine Schwester zu kümmern und sie zu beschäftigen. Doch diese ging ihr mittlerweile wieder sehr auf die Nerven und wirklich Lust darauf hatte sie auch nicht. Doch ihre Mutter wollte das nicht verstehen und letztendlich endete es wieder im Streit. An Heiligabend. Es war ihr einfach zu viel. Sofort nahm sie sich ihre Sachen und lief hinaus in die Kälte, in die graue Stadt.

Noch immer lief sie ziellos durch die Straßen. Der Anblick der bunt erleuchteten Wohnungen und die Gedanken an einen harmonischen Abend ließen ihr Tränen in die Augen steigen. Sie erreichte einen kleinen Park. Wie oft war sie im Sommer mit ihrer besten Freundin hier gewesen. Und wie gerne würde sie jetzt mit ihr reden. Sie lief um eine Kurve und setzte sich auf eine vom Schnee bedeckte Bank. Vor ihr lag ein kleiner Teich. Schneeflocke für Schneeflocke wurde das Eis bedeckt. Um sie herum herrschte Stille. Sie beobachtete den Schnee und dachte an ihr warmes Haus, an den Weihnachtsbaum. An die vielen Menschen, die sich an diesem Abend "Ich liebe dich" sagen würden und sich gegenseitig eine Freude machten. An ein fröhliches Familienleben. Fröhlich lief es in ihrer Familie schon lange nicht mehr. Also warum sollte es auch an diesem Abend anders verlaufen?
Plötzlich bemerkte sie, wie sich jemand neben sie auf die Bank setzte. "Wir haben weiße Weihnachten, es ist Heiligabend. Aber warum sitzt so ein liebes Mädchen wie du ganz alleine auf einer Parkbank im Schnee?" Diese Stimme kannte sie. Hastig wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und guckte in das lächelnde Gesicht eines Klassenkameraden. Schon seit einiger Zeit ist er ihr besonders aufgefallen. Nur wusste sie nie, ob sie nur Sympathie oder doch mehr für ihn empfand. Doch in dem Moment wusste sie es. "Ich..ähm.. Ich musste einfach weg von zuhause. Dieses Weihnachten und die ganze Liebe und Freude war zuviel für mich. Ich will einfach nur von meinen Eltern in Ruhe gelassen werden. Aber was machst du dann hier?" "Ich wollte dich eigentlich besuchen um dir Frohe Weihnachten zu wünschen. Aber als ich hörte, du seiest weggegangen dachte ich mir gleich, dich hier zu finden." Er brach einen kleinen Zweig von einem Strauch ab und sah ihr in die Augen: "Wenn wir Sommer hätten, hätte ich dir ja gerne eine richtige Blume geschenkt, aber ich hoffe, es geht auch so." Sie spürte, wie ihr Herz anfing stärker zu schlagen. "Weihnachten ist das Fest der Liebe und viele Menschen sagen sich heute "Ich liebe dich". Und so will ich es auch tun." Ihr wurde ganz warm ums Herz und lächelte ihn an. "Ich liebe dich." Plötzlich bekam die Welt wieder Farbe in ihren Augen. Und zwischen den Schneeflocken und der Freude und Liebe über der Stadt küssten sie sich. "Ich liebe dich auch", flüsterte sie in die Stille hinein.

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