Die weiße Pracht

Was ist das für ein Wunder, was ist das für ein Naturspektakel? Eines Morgens wachtest du auf und liefst zum Fenster. Doch die Welt draußen sah nicht mehr so aus, wie du es vorher gewohnt warst. Alles hatte sich irgendwie verändert. Wo war all das grün hin, dass du von den Wiesen kennst? All das braun, dass du vorher an den Bäumen gesehen hast? Die bunten Farben, die jeden Tag der Spielplatz entgegenstrahlte? Selbst das Blau im Himmel war verschwunden. Alles erstrahlte nur noch in einem leuchtenden weiß. Es war überall, auf der Straße, auf den Wegen, auf dem Sand, auf der Rutsche, auf den Schaukeln, auf den Dächern. Und jetzt fiel es auch vom Himmel.
Deine Augen waren riesig, als du das alles das erste Mal erblicktest. Deine Nase presste sich an die Fensterscheibe. Es sah so schön aus. Und ich sah dir an, dass dir ganze sehr gefiel.
Schau, schon kommt deine Mama. Sie blickt nur kurz aus dem Fenster, lächelt und guckt dich an. Sie schaut in deine großen Augen und sieht, wie verwundert du über all das weiß draußen bist. So ganz scheinst du nicht zu verstehen, warum sie nicht so sehr begeistert davon ist. „Das ist Schnee!“, erklärt sie dir.

Sehr bald hat sie dich angezogen. Deine dicken Schuhe, deine dicke Jacke, eine dicke Mütze auf dem Kopf. Und Handschuhe an den Händen. Dein ganzer kleiner Körper, eingepackt in einer dicken, warmen Hülle.
Schnell rennst du zum Fahrstuhl, du kannst es kaum erwarten, endlich draußen zu sein, dir die ganze weiße Pracht von nahem anzugucken, sie anzufassen. Draußen angekommen bist du zuerst verwundert. Dieser Schnee gibt Geräusche unter deinen Füßen! Jeder Schritt, den du tust, verfolgt dich mit einem leisen Knarren.
Huch, pass auf! Fall nicht hin! Unter der Schneedecke verbergen sich gerne Eisflächen! Doch auch das ist neu für dich, auch das musst du erst noch lernen. Du gehst zum Spielplatz, der Ort, wo du normalerweise mit deinem Freund im Sand sitzt und kleine Burgen buddelst. Von dem Sand ist nichts zu sehen. Jetzt sitzt du auf dem Schnee und steckst deine kleine Hand, die unter dem Handschuh verborgen ist, in den Schnee. Wie fühlt er sich für dich an? Du merkst sehr schnell, dass er sich formen lässt. Doch teilweise fällt er dir auch wieder sehr schnell aus der Hand heraus. Du freust dich, du hast deinen Spaß. Plötzlich guckst du nach oben. Eine kleine weiße Flocke bahnt sich ihren Weg auf den Boden. Sie setzt sich auf deine Beine, bleibt dort liegen und verschwindet dann plötzlich. Ganz verwundert guckst du auf dein Bein. Wo ist es hin? Der Schnee auf deinen Handschuhen geht doch auch nicht weg? Nun hast du entdeckt, dass er noch auf deinen Handschuhen ist. Vorsichtig lässt du deine Zunge über den Schnee führen. Er ist ganz kalt. Er schmeckt nach nichts.
Langsam guckst du dich um. Du siehst andere Menschen, andere Kinder, die mit ihren Eltern und Freunden auf den Spielplatz kommen. Sie sehen alle sehr erfreut aus, auch sie haben Spaß. Du beobachtest, wie sie kleine Kugeln formen, die sie über den Schnee rollen. Erst eine, dann eine zweite, dann eine dritte. Langsam und vorsichtig bauen sie diese Kugeln übereinander. Kleine Steine, die sie unter der Schneedecke ausgebuddelt haben, stecken sie in die oberste Kugel. Dieser große Schneeberg sieht ja aus wie ein Mann!
Du freust dich, weil du gesehen hast, was man aus dem Schnee alles machen kann.

Viel zu schnell geht der Tag zu Ende. Deine Mama kommt und nimmt dich mit. Erst jetzt merkst du, wie kalt dir ist. Im Badezimmer angekommen guckst du in den Spiegel. Und du lächelst. Mit deinen kleinen roten Wangen siehst du sehr glücklich aus. Du hattest einen schönen Tag.

back