Der letzte Schritt

Warme Sonnenstrahlen weckten sie an diesem Samstag morgen. Wieder lag sie in ihrem eigenen Bett. Das Fenster war leicht geöffnet und eine warme Frühlingsbrise streifte ihr Gesicht. Sie spürte eine Träne auf ihrem Gesicht bei dem Gedanken, dass sie wieder zurück kam. Dass sie wieder da lag, wo sie eigentlich nicht wollte.
Wieder drehte sie sich um und versuchte mit den Gedanken zu fliehen. Doch das Sonnenlicht hatte sie in seinem Bann. Ein Blick auf die Uhr: 12 Uhr Mittag. Ein langer Tag würde bevorstehen. Gefüllt mit Gedanken an IHN. Sie spürte seinen Atem, seine Küsse. Würde er doch bei ihr sein...

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Die Stunden vergingen. Keinen Fuß setzte sie vor ihre Zimmertür. Vergraben in ihr Zimmer. Langsam verschwand die Sonne hinter dem Horizont. Eine kleine Deckenlampe erleuchtete ihr Zimmer. Ihre Eltern hatten das Haus verlassen, nun könnte sie machen, was sie wollte. Wieder abhauen? Ihn suchen?
Der Hunger trieb sie in das Wohnzimmer. Das Licht verschwand. Sie wagte es nicht, Licht anzumachen. Jeder Schritt knarrte auf dem kalten Holzboden unter ihren bloßen Füßen. Gegenstände warfen Schatten aufgrund der Straßenlaterne. Schnell verschwand sie in die Küche, holte etwas zu Essen und verschwand genauso schnell wieder in ihrem Zimmer. Das Licht war aus. Sie tastete nach dem Schalter. „Lass es aus!“, ertönte eine dunkle, aber ihr bekannte Stimme. Sie ließ ihr Essen fallen und erkannte die dunkle Umrandung von ihm. Er saß auf ihrem Bett, mit dem Rücken zu ihr. Langsam näherte sie sich ihm. Zwei Meter vor seinen Füßen kniete sie sich auf den Boden und starrte ihn an. Auch er drehte sich langsam zu ihr um. Seine Augen schienen im Schein der Straßenlaterne zu glitzern. Waren es Tränen? Leise flüsternd begann sie zu reden: „Bitte, nehme mich mit. Ich will hier nicht mehr leben!“ Er sah sie noch einige Sekunden an. „Komm mit!“ Er nahm ihre Hand und beide liefen hinaus. Die Straße hinunter, doch immer im Lichtschatten. Sie wagte es nicht, ein Wort zu sagen. Sie wusste, nun würde er sie mitnehmen. Nun würde sie endlich entkommen können aus dieser Welt.
Sie liefen bis zu dem Waldrand. Dort, wo einst alles begann. Wieder hatte sie ihr schwarz-rotes Kleid an. Sie sah sein Gesicht an. Der Glanz aus seinen Augen war noch immer nicht verschwunden. Auf einmal blieb er stehen. Ein großes, schwarzes Pferd stand vor ihnen. Er half ihr hinauf und setzte sich hinter sie. Sie spürte seine Wärme an ihrem Rücken. Leise ritten sie durch den Wald. Hinein in die Nacht.

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Der Schatten des Tieres erstreckte sich weit auf der Lichtung. Im Mondschein verlangsamten sie ihr Tempo und blieben schließlich an einem Bach stehen. Wieder half er ihr hinab. Das schnell fließende Wasser glitzerte. Seine Hand nahm ihre und führte sie ein kleines Stück weiter. „Bist du dir sicher, dass du wirklich hier bleiben möchtest?“, fragte er sie. „Ich will bei dir bleiben. Ich.....liebe dich!“ Er blieb stehen, drehte sich zu ihr und im Mondschein küsste er sie zärtlich.
Ein paar Schritte weiter kamen sie in einer Höhle an. Größer als die andere. Kerzen erleuchteten den Raum. Sie staunte. War alles ein Traum? Doch die Berührung seiner Lippen war real. Sie spürte sie wirklich. Sie schloss die Augen und genoss seine Nähe, ihr neues Leben.
Und in der Unendlichkeit ihrer Träume sollte sie nie wieder die Augen der Realität öffnen.

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