Blind vor Liebe

Es war Freitag. Ein weiterer Tag in Melanies Leben. Sie saß in der Schule und versuchte irgendwie etwas von dem Latein zu verstehen, was ihr Lehrer ihr versuchte beizubringen. Latein war eines der Fächer, die viel zu langsam vergingen. Sie kritzelte in ihrem Kalender rum und versuchte, nicht einzuschlafen. Es war die letzte Stunde vor den lang ersehnten Weihnachtsferien. Noch fünf Minuten bis Stunden Ende. Sie war kurz vorm verzweifeln, als ein Zettel ihrer Freundin eintraf. Hastig öffnete sie ihn: "Hilfe....ich penn gleich ein.... was machst du in den Ferien?" Sie nahm einen Stift und schrieb: "Mal sehen...Weihnachten feiern. Das kann ja was werden. Mit meiner Family zuhause hocken und auf heile Welt tun. Und du?" Sie hatte gerade fertig geschrieben als ihr Lehrer vor ihr stand und ihr den Zettel aus der Hand riss. "Melanie, also nein. Du stehst schon so schlecht in Latein, da solltest du lieber aufpassen anstatt mit Janine Zettel zu schreiben. Ich glaube, ich sollte mal deine Eltern anrufen. So kann es wirklich nicht weitergehen!" Entsetzt sah sie ihren Lehrer an. Ein verzweifelter Blick zu ihrer Freundin, dann klingelte es. Schnell räumte sie ihre Sachen ein und machte sich mit Janine auf den Weg in die Ferien. "Verdammt. Wenn er meine Eltern anruft darf ich doch in meiner freien Zeit bestimmt nichts machen! Die sperren mich doch glatt über die gesamten Ferien in meinem Zimmer ein und lassen mich Silvester nicht mit dir feiern!" "Hey, bleib mal ganz ruhig. Deine Eltern werden schon Verständnis haben, schließlich ist Weihnachten!" "Na klasse....da kennst du meine Eltern aber schlecht!" Mies gelaunt stapfte sie hinaus in den Schnee, schaute jeden böse an, der auch nur etwas mit Weihnachten sagen wollte und hastete zum Bus. Ein voller Bus war das letzte, was sie jetzt noch gebrauchen könnte. Aber leider ging auch dies schief. Noch nicht einmal auf ein Gespräch mit ihrer besten Freundin hatte sie Lust. Schlecht gelaunt schaute sie auf den Boden. "Hey guck mal, wer da kommt!" Genervt blickte sie auf und sah ihn. David. Schon seit langer Zeit hatte sie ein Auge auf ihn geworfen. Er war zwei Jahrgänge über ihr und sah gut aus. Sofort war ein Lächeln auf ihrem Gesicht zu erkennen. Ein hastiger Blick zu Janine, die sofort die Augen verdrehte. In dem Moment kam der Bus, sie verabschiedete sich von ihrer Freundin, zwängte sich in den viel zu kleinen Bus und erkämpfte sogar noch einen Sitzplatz. Als sich schließlich auch noch David neben die setzte, schien die Welt perfekt zu sein. "Hey! wie geht's?" begann sie sofort, denn lange Schweigefahrten hasste sie. "Joa, ganz gut. Und selbst?" "Na ja, wie man's nimmt." "Hmm....klingt ja nicht so gut. Hast du vielleicht Lust auf eine Party? Heute Abend feier ich in meinen 18. Geburtstag rein. Hast du vielleicht Lust zu kommen? Kannst sogar noch jemanden mitbringen! Würde mich freuen!" Etwas verdattert sah sie ihn an und versuchte, ihre Freude über die Einladung nicht allzu sehr zu zeigen. "Ähm...klar, gerne." "Okay, dann um sieben bei mir, okay?" "Klar...." Die Welt schien perfekt und sogar der Gedanke an den bevorstehenden Anruf war verflogen. Sie schien auf Wolke Sieben zu schweben. Warum schien er sich auf einmal für sie so zu begeistern? Schon die letzten Tage über lächelte er sie auf dem Hof an und begrüßte sie. Die beiden unterhielten sich noch etwas, bis er schließlich aussteigen musste. Verträumt sah sie ihm hinterher, wie er die Straße hinunter lief. Sowie er außer Sichtweite war griff sie zu ihrem Handy und schickte Janine eine SMS und bat sie darum, mitzukommen. Der Tag schien gerettet zu sein, als schließlich auch die Antwort mit einem "Okay" ankam.
Zu Hause angekommen stürmte sie ins Wohnzimmer um die Erlaubnis ihrer Mutter einzuholen, damit sie Abends weggehen dürfe. Doch ihre gute Laune verschwand sofort, als sie das grimmige Gesicht sah. "Dein Lateinlehrer hat eben angerufen. Du bist wohl sehr abgerutscht, hast in der Arbeit 0 Punkte und hast in den Stunden nichts besseres zu tun als Zettel zu schreiben. Du bleibst die Ferien über zuhause und lernst täglich zwei Stunden für Latein. Kein Wenn und Aber! Hier steht dein Essen, iss es und dann geh in dein Zimmer." Verzweifelt sah sie ihre Mutter an, dann das Essen. Ihr Hunger war vergangen. Sie stürmte in ihr Zimmer, schmiss die Tür hinter sich zu und legte sich aufs Bett. Es war 16 Uhr. Sie hatte noch etwa 2 1/2 Stunden Zeit ihre Mutter zu überreden oder sich irgendwie einen Plan zum rausschleichen bereit zu machen. Doch entschied sie sich zuerst für den ersten Versuch. Sie machte den PC an und wartete eine Stunde ab, bis sie den ersten Versuch startete. Natürlich erzählte sie Janine sofort alles über das Internet, die nicht gerade begeistert war von der Reaktion ihrer Mutter. Nun fasste Melanie allen Mut zusammen und ging vorsichtig wieder ins Wohnzimmer. "Maaammmaaa??? Darf ich dich was fragen?" "Geht es um Latein?" "Öhm...eigentlich nicht...." Sie ließ ihr keine Zeit etwas dazu zu sagen und redete gleich weiter: "Weißt du, heute Abend ist eine Party bei einem aus meiner Schule. Dürfte ich mit Janine dort hin gehen? Die fängt um 19 Uhr an und ist auch nur drei Busstationen entfernt." "Nein!" "Bitte!!!" "Nein habe ich gesagt und jetzt geh wieder!" Noch wütender als vorher ging sie wieder in ihr Zimmer. Nun musste Plan B ran. Sofort zog sie sich um, Schuhe an und rannte, bevor ihre Mutter etwas dazu sagen konnte, aus dem Haus in Richtung Janine. In ihrem Kopf schwirrten tausend Fragen rum. Was würde geschehen, wenn sie zurückkommen würde? Wie würde ihre Mutter reagieren? Und erst ihr Vater? Vergeblich versuchte sie die Gedanken aus dem Kopf zu bekommen.
Bei Janine angekommen weinte sie sich erst einmal aus. Ihre Freundin tröstete sie und versuchte sie auf Partystimmung zu bringen. Dies gelang schließlich auch. Gegen 18:30 Uhr machten sie sich auf den Weg in Richtung David. Unterwegs kauften sie noch eine Kleinigkeit als Geburtstagsgeschenk und kurz nach 19 Uhr trafen sie bei ihm ein. Aufgeregt drückte Melanie den Klingelknopf, langsam öffnete sich die Tür und David stand vor ihr. Er sah noch besser aus als sonst immer. Sie schauten sich in die Augen, bis Melanie endlich ein leises "Hi!" herausbrachte. Er gab ihr zur Begrüßung die Hand und führte beide ins Wohnzimmer, wo schon einiges los war. Leute, die alle älter waren als sie, saßen gemütlich im Zimmer herum und unterhielten sich. Langsam gingen die beiden Mädchen zu den anderen. David stellte sie vor und sie setzten sich dazu. Seine Jahrgangsleute fand die nett und schnell fühlte sie sich in seinem Freundeskreis wohl. Neben ihr saß Janine und hinter ihr David. Der Abend schien wunderbar zu sein, auch der Gedanke an ihre Eltern war wie verflogen.
Es war gegen 22 Uhr. Die ersten waren leicht angetrunken. Doch da Melanie nicht viel von Alkohol hielt, genauso wie Janine und David, amüsierten sich die drei über die anderen. "Kann ich euch was zu trinken holen?", fragte er die beiden. "Zwei mal Cola wäre nett!", lächelte Melanie zurück. Sofort verschwand er in der Küche und die beiden Mädchen hatten das erste Mal Gelegenheit alleine zu reden. "Du strahlst ja über das ganze Gesicht, Melly. Komm mal wieder runter!", neckte sie Janine. Doch Melanie bekam kaum ein Wort heraus. "Ich verschwinde mal eben.", sagte sie und ging Richtung Bad. Schnell ein Blick in den Spiegel, dann ging es wieder zurück. In jeder Ecke saß irgendein Pärchen, küssend, in den Armen liegend. Für einen kurzen Moment verfiel sie ins Träumen. Wäre es nicht schön mit David so dazusitzen? Mit ihm zusammen zu sein? Sie könnten immer nach der Schule zusammen nach Hause fahren. Er könnte ihr Latein beibringen.... So sehr in Gedanken verfallen konnte sie es kaum erwarten ihn wiederzusehen. Mit schnellen Schritten ging sie zurück zu dem Platz, wo sie zuletzt standen. Doch was sie dort sah, verschlug ihr den Atem: Janine und David, eng umschlungen und sich küssend. Es schien wie ein Alptraum. Eine Welt schien für Melanie zusammen gebrochen zu sein. Die Tränen zurückhaltend lief sie an den beiden vorbei. Kein Blick würdigte sie den beiden. Kein Tschüß. Nichts. Sie wollte nur noch weg. Übelkeit stieg in ihr hoch. Sie konnte einfach nicht schnell genug am Bus sein. Hinter ihr hörte sie nur noch ein leises "Melly, warte!", welches sie aber ignorierte. Der Bus kam sofort und auch die drei Stationen wurden schnell überwunden. Alles, was sie sich jetzt wünschte, war ihr Zimmer. Ihr Bett. Wo sich weinen konnte, wo sie ihrer Wut freien Lauf lassen konnte. In dem Moment fiel ihr wieder der Streit mit ihren Eltern ein. Auf Janine konnte sie verzichten. Wie konnte sie sich nur so in ihr täuschen?
Leise öffnete sie die Tür, in der Hoffnung, dass niemand sie bemerken würde. Langsam schlich sie in ihr Zimmer. Auf ihrem Bett wartete schon ihre Mutter, mit zornigem Gesicht: "Wo bist du gewesen? Hatte ich dir nicht ausdrücklich verboten irgendwohin zu gehen? Den Rest der Ferien bleibst du in deinem Zimmer. Keine Silvesterparty bei Janine, nichts! Und die neue Stereoanlage, die du morgen zu Weihnachten bekommen solltest, ist auch gestrichen. Die bekommt jetzt dein Bruder. Deinen PC verfrachte ich erst einmal im Keller und auch das Telefon ist Tabu! Vielleicht merkst du dann endlich mal, dass du auf Verbote hören solltest!" Die Worte flogen nur so an ihr vorbei. Ihre Mutter stürmte aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich ab.

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Sie schaltete das Radio ein. Leise drang die Musik in ihr Zimmer. Um was in dem Lied ging, wusste sie nicht genau. Es war irgendetwas mit Liebe. Genau das, was sie jetzt nicht brauchte. Der Schnee bedeckte langsam ihr Fenster und ließ kein Licht mehr herein. Sie legte sich auf' s Bett und ließ den Tränen freien Lauf. Es war Mitternacht. David hatte Geburtstag. Was würde er gerade machen? Mit Janine feiern? Sie bekam das Bild nicht aus dem Kopf. Wie konnte sie sich so in ihrer besten Freundin täuschen? Und hatte David nicht sie eingeladen? Oder hatte er schon länger ein Auge auf Janine geworfen und deshalb gesagt, sie könne noch jemanden mitbringen? Tausend Gedanken schwirrten in ihrem Kopf herum. Die Tränen nahmen kein Ende. Es war der 24.12. Heiligabend. Weihnachten - das Fest der Liebe. Genau das, was sie nicht brauchte. Sie kam sich allein gelassen vor. Niemand, mit dem sie Reden konnte. Wie aus weiter Ferne erklang ihr Anrufbeantworter: "Melly? Melly? Ich weiß, dass du da bist! Nun nimm schon endlich ab! Verdammt, es tut mir Leid! Aber du musst auch Verständnis haben. Wir...es klingt vielleicht fies....aber David und ich.....wir haben uns schon seit längerer Zeit füreinander interessiert....Bitte, nimm ab. Es tut mir so Leid..... PIEP PIEP PIEP" Wütend stand sie auf, riss den Anrufbeantworter aus der Steckdose und wollte ihn gegen die Wand schmeißen, verfehlte diese aber und traf ihre Glasvitrine. Das Glas sprang in alle Richtungen. Eine Scherbe verirrte sich in ihren Arm. Doch sie schrie nicht auf. Sie merkte den Schmerz noch nicht einmal. Sie beobachtete das Blut, wie es langsam seinen Weg in Richtung Boden machte. Vermischt mit ihren Tränen tropfte es. Sie zerrte sich aufs Bett, schloss die Augen und versank in einen friedlichen Schlaf, ein letzter Traum von unerfüllter Liebe durchquerte ihre Gedanken.

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